City Guide Tokio

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Lost in Perfection

Ausgabe 02/2008

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Text und Fotos TJ Bruder (Tokyowildcat) Illustration Roman Klonek

Eine atemberaubende Skyline, ein erschreckend effizientes Verkehrssystem, eine endlose Flut an Informationen, verbreitet über jedes nur erdenkliche Medium, und ein stets höfliches Lächeln heißen den Besucher in Tokio willkommen. Um es kurz zu machen – hier erwartet ihn nur das eine: Perfektion. Verdankt man seine eigene Sozialisation nun allerdings good, old-fashioned Europa, dann fühlt man sich von der fernöstlichen Metropole doch schnell ein wenig überfordert – ein bisschen ‚Lost in Translation‘ eben, wie Sofia Coppola es schon ganz richtig erkannte. Und damit einem Zustand ausgeliefert, zu dem nicht unwesentlich beiträgt, dass man – fernöstliche Weisheit hin oder her – mit dem Betreten japanischen Bodens mehr oder weniger zum Analphabeten wird. Denn wer entziffert schon die fremdartigen Schriftzeichen ohne mehrjähriges Studium?

Doch sieht sich der Tokio-Reisende, was Kommunikation und Orientierung betrifft, auch vor das ein oder andere Rätsel gestellt, so hegt er tief in seinem Herzen zumeist den Wunsch, es möge nicht nur bei einer flüchtigen Begegnung mit seinem Rendezvous bleiben. Erst kürzlich brachte eine Umfrage ans Licht, was die meisten Besucher dazu bewegt, den fremden Planeten Tokio anzusteuern: die Lust auf japanisches Essen vor allem, die Leidenschaft für japanische Mode, die Begeisterung für alte Tempel und neueste technische Spielereien. Junge Chinesen und Koreaner haben Tokios Fashion-Districts bereits zu ihren bevorzugten Spielwiesen auserkoren, und inzwischen kommen auch zunehmend Europäer, um hier ihr Glück zu versuchen. Wahrscheinlich ist es noch immer der Mythos von Tokio als einem der kostspieligsten Orte der Welt, der dafür sorgt, dass eine Reise in diese wirklich einzigartige Stadt zu den Dingen zählt, die gerne auf die lange Bank geschoben werden. Der starke Euro allerdings gräbt solcherlei Argumentationen zusehends das Wasser ab. Ein Mittagsmenü beispielsweise ist heute in vielen Tokioter Restaurants und Cafés für um die 1.000 Yen zu haben, und das sind derzeit nicht einmal sieben Euro.

30 Millionen Einwohner leben im Großraum Tokio. An die zehn Millionen sind es im Stadtgebiet – beeindruckende Zahlen, die für den Außenstehenden fast schon etwas Beängstigendes haben. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Weltmetropolen ist Tokio nicht nur ein ausgesprochen sicheres Pflaster, es repräsentiert auch aus architektonischer Sicht keineswegs die Betonwüste, die man vielleicht erwarten würde. Alt und Neu, Grün und Grau existieren hier harmonisch Seite an Seite, gehen fast nahtlos ineinander über und bilden einen urbanen Flickenteppich der Extraklasse: Nicht nur, dass fast von Viertel zu Viertel ein anderes Flair herrscht, neben einer großen visuellen Vielfalt verfügt die Stadt auch über ein schier unüberschaubares Angebot an Gastronomie, Mode, Kunst und Kultur. Besondere Aufmerksamkeit erregen beim gemeinen Nicht-Japaner vor allem die zahlreichen Subkulturen, die bei Punk und Hip-Hop anfangen und bei ‚Visual Kei‘ und ‚Gothic Lolita‘ noch lange nicht aufhören und in je klar definierten Areas ausgelebt werden.

Vintage und Designermode für ein breiteres Publikum findet sich vor allem in den Fashion-Vierteln von Harajuku bis Minami-Aoyama, in Koenji, Daikanyama und Naka-Meguro. Englisch ist im Tokioter Shopping-Dschungel zwar nicht immer so hilfreich, wie man es von der Hauptstadt der zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt erwarten würde, aber Hilfestellung findet man doch so gut wie überall zur Genüge. Anders als in anderen Ländern handelt es sich beim japanischen Verkaufsper-sonal nämlich fast immer um ausgewiesene Experten, die in perfekt gestylter Umgebung gerne ausgiebig und über jedes Detail der Produkte informieren. Etwas weniger durchstrukturiert gestaltet sich möglicherweise der ein oder andere Restaurantbesuch – was allerdings, man ahnt es schon, keineswegs am Service liegt, sondern vielmehr an der doch mitunter etwas undurchsichtig anmutenden Auswahl an Speisen und Getränken.

Als Kurzbesucher sollte man sich also am besten zu Hause ein wenig vorbilden, wissen, welche japanische Spezialität man zwingend kosten muss und was man in der Megacity unbedingt gesehen haben will. Es sei denn, man zieht es vor, ganz einfach herumzustreunen und Tokios Atmosphäre in sich aufzunehmen – eine Idee, die nicht unbedingt die schlechteste ist, taucht doch selbst nach vielen Besuchen bisweilen wie aus dem Nichts diese unbekannte Bar, dieser hübsche Laden oder dieser Park am Ende einer schmalen Gasse auf. Wer glaubt, jeder Zentimeter dieser Stadt sei längst erschlossen, der irrt also – das Beste kommt stets noch.

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