City Guide Düsseldorf

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Die Rheintreuen

Ausgabe 03/2009

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Text Ilona Marx Fotos Andi Zimmermann Illustration Roman Klonek

Kunstmetropole, Modehauptstadt, Wiege des deutschen Punk? Auch in Düsseldorf hinterließ der Hype, der in den letzten beiden Jahrzehnten um Berlin gemacht wurde, seine Spuren. Ob Musiker, Künstler oder Designer – wer etwas auf sich und sein Talent hielt, folgte ab 1989 dem Ruf der wiedervereinigten Hauptstadt. Die Konsequenz: Der in der Heimat verbliebene Rest fühlte sich in der vermeintlich ausgebluteten Provinz zeitweilig wie lebendig begraben. Insbesondere nach einem ereignisreichen Wochenendaufenthalt bei Freunden, die in eines der einschlägigen Berliner Viertel umgesiedelt waren.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Merkmal des Hypes ist seine begrenzte Lebensdauer, und Berlin Mitte ist längst nicht mehr so ‚mittig‘ wie noch vor zehn Jahren. Irgendwann hatte sich herumgesprochen, dass man hier zwar superhip und günstig Kaffee trinken konnte, dies dann aber mitunter auch bis zum Überdruss tun musste, weil die ersehnten tollen Jobs auf sich warten ließen. Infolgedessen erwachte im vermeintlich uncoolen Rest der Republik ein neues Selbstbewusstsein, das mit einer ebenfalls neuen Gründermentalität einherging – schließlich waren die Wochenenden in Berlin sehr inspirierend gewesen.

Die Strahlkraft, die von Berlin in den letzten Jahren ausging, hat in vielen Städten Deutschlands für Bewegung gesorgt – nicht zuletzt in Düsseldorf, wo eine Vielzahl ambitionierter Laden- und Gastroprojekte ins Leben gerufen wurde. Besonders gut zu beobachten sind die Auswirkungen des Phänomens im Stadtteil Flingern, wo rund um Acker-, Hermann-, Linden- und Hoffeldstraße nach wie vor ein hübscher Laden nach dem anderen aus dem Boden sprießt. Doch auch in Bilk, respektive in Friedrichstadt, das bis dato eher für uncharmante Nachkriegsarchitektur als für junge Kaffeehauskultur bekannt war, konnte sich eine ausgeprägte kleine Stadtteilszene entwickeln – eine echte ‚Achse des Guten‘, deren vielleicht beliebtesten Anlaufpunkte die Kulturvereine Brause und Damen und Herren, das Minicafé Mopete sowie die Galerien Kunstradar und Slowboy sind.

Doch allen neuen Einflüssen zum Trotz bleibt Düsseldorf sich und seinen Klischees auch vielerorts treu. Die Königsallee, wenngleich in den letzten Jahren um ein paar schicke Geschäfte ärmer und um ein paar Vertikale reicher geworden, umgibt noch immer die Aura der exklusiven Flaniermeile und perfekten Bühne der Gernegroßen, die hier – je nach Geschlecht und Jahreszeit – wahlweise ihre Cabrios oder Nerzmäntel zur Schau stellen. Ebenso unverändert: die als längste Theke der Welt bekannte Altstadt, jener Ort, an dem Bier zunächst in Fröhlichkeit und dann in Urin verwandelt wird. Aber so ist er eben, der rheinische Frohsinn.

Zur Entlastung der Düsseldorfer muss allerdings gesagt werden, dass ein Großteil derer, die das traditionelle Kneipenviertel im Herzen der Stadt allwochenendlich in den Ausnahmezustand versetzen, gar nicht in der NRW-Metropole zu Hause, sondern lediglich für eine Sauftour oder einen Junggesellenabschied angereist ist. Zwar weiß auch der Düsseldorfer einen feucht-fröhlichen Abend zu schätzen, doch ab und an heißt es ranklotzen. Schließlich will die Miete bezahlt sein, ist das Leben in der Landeshauptstadt doch nicht gerade billig – wobei viele wiederum dessen Unaufgeregtheit schätzen, die es erlaubt, seine Geschäfte in Ruhe zu tätigen. So ist nicht nur der Fotograf Andreas Gursky Düsseldorf treu geblieben, sondern mit Thomas Ruff auch ein anderer berühmter Becherschüler, der, wie einst sein Lehrer, bis vor einiger Zeit eine Professur an der renommierten Düsseldorfer Kunstakademie innehatte.

Überhaupt – Düsseldorf und die Kunst: eine alte Liebe, die wohl vor allem deshalb nicht rostet, weil man sich immer wieder aufs Neue füreinander ins Zeug legt. 2002 im alten Ständehaus unter neuer, gläserner Kuppel eröffnet, bietet das K21 nicht nur den wichtigsten Vertretern zeitgenössischer Kunst eine Plattform. Mit seinem Salon 21 sowie zahlreichen Sonderveranstaltungen und Partys öffnet es sich insbesondere dem jungen Publikum. Das alteingesessene K20, Museum für Kunst der Klassischen Moderne, wird gerade von Grund auf saniert und mit erweiterten Räumlichkeiten voraussichtlich 2010 wieder an den Start gehen. Im NRW-Forum im Düsseldorfer Ehrenhof widmet man sich derweil mit Vorliebe dem Grenzgängertum zwischen Kunst, Design und Mode, während das KIT, der Youngster der Szene, seine Beliebtheit nicht nur seiner großen Flexibilität verdankt – wie zuletzt im Rahmen einer Sonic-Youth-Ausstellung deutlich wurde –, sondern auch seiner speziellen Architektur: KIT steht für ‚Kunst im Tunnel‘, und geboten wird eben dies.

Apropos Architektur: Auch, wenn man sich hier und da über ein wenig mehr Patina freuen würde – der Arag-Turm von Sir Norman Foster, Frank Gehrys Neuer Zollhof im Düsseldorfer Medienhafen, das so genannte Dreischeibenhaus, das mit seiner klaren Fassade aus Aluminium, Glas und Edelstahl im reizvollen Kontrast zu den weißgetünchten Rundungen des Düsseldorfer Schauspielhauses steht, sprechen eine eigene, sehr interessante Sprache. Zugleich kommt das, was einst an der Stadt so protzig schien, in die Jahre. Auf sympathische Weise bröckelt mancherorts doch ein wenig der Putz. Kein Nachteil, finden auch diejenigen, die, aus der Hauptstadt zurück, die Vorzüge ihrer Hometown am lautesten preisen: die milden Winter und die kurzen Wege – und wie einmalig schön es ist, wenn ein großer Fluss die Stadt durchquert.

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