City Guide Berlin

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Eins und dennoch einzig

Ausgabe 01/2010

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Text Ilona Marx  Fotos Andy Rumball  Illustration Roman Klonek

Globale Bauunternehmen errichten Luxusapartments am Spreeufer und internationale Ketten verdrängen einheimische Geschäfte, derweil sich Investoren aus Dänemark, den USA und Irland gleich reihenweise alte Mietshäuser unter den Nagel reißen – in Berlin stehen die Zeichen mal wieder auf Wandel. Zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung des Ost- und des Westteils scheint die Stadt erneut an einem Wendepunkt angekommen. So sind Viertel wie Mitte und Prenzlauer Berg, einst Aushängeschilder des progressiven Berlins, nun fest in der Hand einer etablierten, zahlungskräftigen Klientel.

‚Arm, aber sexy‘ hat der Bürgermeister Klaus Wowereit Berlin einmal genannt. Was aber, wenn sich der Trend fortsetzt, wenn sich die alte und neue deutsche Hauptstadt in acht oder zehn Jahren zur ganz gewöhnlichen, großflächig gentrifizierten Metropole gemausert haben sollte – wird sie dann noch sexy sein? Wird Berlin dauerhaft die Heimat kreativer Experimente bleiben können?

Die Chancen stehen nicht schlecht. Mit ihrem Humor, einer gewissen Zähigkeit und ihrer berühmt-berüchtigten kessen Schnauze haben die Berliner schließlich schon wesentlich wechselhaftere Zeiten hinter sich gebracht: Nachdem Hitlers wahnwitzige Pläne gescheitert waren, Berlin unter dem Namen ‚Germania‘ zur Reichshauptstadt aufzubauen, lag vom Kudamm bis zum Potsdamer Platz alles in Schutt und Asche. Und kaum hatten die Einwohner die Trümmer beseitigt, schlitterte die Stadt schon in die nächste Katastrophe: 1961 ließ die SED-Führung eine Mauer errichten, die 28 lange Jahre für ein geteiltes Berlin sorgen sollte. Der Osten wurde Aushängeschild der DDR, der Westen zum politischen Kuriosum.

Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall herrscht in der 3,4-Millionen-Metropole zwar längst kein Ausnahmezustand mehr. Doch glücklicherweise existiert noch immer eine Menge Raum für Unvorhergesehenes – und zwar buchstäblich, denn die Fläche der Stadt ist einfach zu groß, als dass sie innerhalb von zwei Dekaden zugebaut werden könnte. Viel Freiheit, viele Möglichkeiten, viel innerstädtischer Himmel: In Berlin lebt es sich nach wie vor um einiges entspannter als in den meisten Megacitys. Kein Verkehrschaos, keine übermäßig hohe Kriminalität, wenig VIP-Getue, und trotz des Hauptstadt-Hypes scheint alles in allem auch das Streben nach materiellem Reichtum zweitrangig zu sein. Mehr noch: Statussymbole, die in anderen deutschen Metropolen ganz selbstverständlich dazugehören – in Berlin sind sie dann doch irgendwie verpönt. So kleidet sich der hauptstädtische Hipster gern etwas nachlässig und setzt auf Understatement.

Wer als Gast oder Zugezogener nicht unangenehm auffallen möchte, sollte ein zu schickes Outfit also tunlichst vermeiden. Persönlichkeit hingegen ist Pflicht. Neben der Tatsache, dass das Leben abseits der In- Viertel noch immer erschwinglich ist, ist es vor allem dieser Umstand, der die Kreativszene der Stadt nährt. Denn, wenn es um Mode, Kunst, Design und Musik geht, verfügt Berlin bis zum heutigen Tag über eine geradezu magnetische Anziehungskraft. Ein globaler Zustrom kreativer Köpfe hat für ein Kulturleben gesorgt, das an jenes im New York der 80er Jahre erinnert. Besonders in der Mode ist dies spürbar: Nirgendwo und zu keiner Zeit wurden mehr Labels von internationalem Niveau ins Leben gerufen als im Berlin der letzten beiden Jahrzehnte.

Die schillernde Hauptstadt-Szene – sie ist und bleibt in Bewegung. Dass dies selbst für den gefürchteten Berliner Winter gilt, davon durften sich J’N’C-Chefredakteurin Ilona Marx und der britische Fotograf und Wahlberliner Andy Rumball gemeinsam überzeugen.

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