City Guide Antwerpen

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Das Mode-Konzentrat

Ausgabe 03/2013

08 IL Antwerpen

Text Ilona Marx Photos Gulliver Theis Illustration Roman Klonek

Warum eigentlich Antwerpen? Was hat die überschaubare Stadt an der Schelde, das sie zum Fashion-Hub prädestiniert? Warum gibt es hier diese überraschend große Dichte an progressiven Designern, extravaganten Store-Konzepten, hübschen kleinen Boutiquen und, allem voran, diese renommierte Modeakademie, die als eine der wichtigsten Talentschmieden Europas gilt?

Hört man denen zu, die hier leben, wird bald klar: Die Frage ist falsch gestellt, sie müsste eher lauten: Was hat Antwerpen nicht?! Horrende Mietpreise nämlich, Ablenkung durch ausufernde Vergnügungsmöglichkeiten, Konkurrenzdruck durch zuwandernde Kollegen, Großstadthektik, lange Wege, Anonymität. Ohne all diese belastenden Faktoren, so die Ansicht derer, die ihre Zelte in Antwerpen aufgeschlagen haben, kann man im Schatten der Liebfrauenkathedrale wunderbar werkeln und wirken.

Dreh- und Angelpunkt der hiesigen Modeszene ist und bleibt natürlich die ‚Koninklijke Academie voor Schone Kunsten‘, die in diesem Jahr ihr sage und schreibe 350-jähriges Bestehen feiert, beziehungsweise das dazugehörige Fashion Department, das immerhin auch schon auf 50 Lenze zurückblickt. Ein halbes Jahrhundert, in dem die für ihre anspruchsvolle Ausbildung berühmt-berüchtigte Hochschule nicht nur die legendären Antwerp Six hervorbrachte, sondern auch viele weitere Talente, die ebenfalls ihren Teil dazu beigetragen haben, dass belgisches Design heute ein internationaler Begriff und wahrer Exportschlager ist. Martin Margiela, Stephan Schneider, Tim Van Steenbergen, Christoph Broich, Sofie D’Hoore, Bruno Pieters, Veronique Branquinho – die Liste der wohlklingenden Namen ließe sich beliebig fortsetzen.

Bezeichnend auch, dass viele der ehemaligen Akademiestudenten Antwerpen bis heute die Treue halten. Von den Antwerp Six ist es sogar der überwiegende Teil: Ann Demeulemeester, Dries Van Noten, Dirk Van Saene und Walter Van Beirendonck haben hier nach wie vor ihre Ateliers. Van Beirendonck avancierte zudem vom ehemaligen Eleven zum Direktor des Fashion Departments und gestaltet hier das Modegeschehen maßgeblich mit. Die anderen bereichern die Stadt mit ihren Kollektionen und Flagships. Und so prägen avantgardistische Entwürfe auch das Straßenbild, die Inspiration ist allerorten greifbar – und überträgt sich auf andere Disziplinen. Denn die Fashionistas sorgen natürlich auch für gut gehende Geschäfte in den coolen Antik-Shops auf der Kloosterstraat. Sie bevölkern die Cafés, Restaurants und Bars, die sich südlich der Altstadt rund um das Museum der Schönen Künste angesiedelt haben.

Noch in der Selbstfindungsphase: die Gegend nördlich der Kathedrale, die sich derzeit von der No-go- zur Trend-Area mausert. Als Entwicklungsbeschleuniger fungiert seit seiner Eröffnung vor zwei Jahren das MAS, das prägnante Museum aan de Stroom, das sich mit der Geschichte Antwerpens als Hafen- und Handelsstadt beschäftigt und mit seiner an ein gigantisches Lagerhaus erinnernden Architektur, dem 360-Grad-Panoramadach in 60 Metern Höhe und dem ‚Dead Skull'-Mosaik von Luc Tuymans auf dem Vorplatz ein neues Wahrzeichen der Stadt geworden ist.

Womit wir bei der Kunst wären: Neben dem Museum der Schönen Künste ist das M HKA Museum für zeitgenössische Kunst mit einem Fokus auf Werke von 1970 bis zur Gegenwart ein Muss, ebenso wie das Foto- und das Modemuseum – und ein Besuch im Rubenshaus gehört für den Weltbürger selbstredend zum Pflichtprogramm. Doch auch ohne Eintritt zu zahlen, stößt man am Ufer der Schelde auf manch kunstvolles Kleinod: das von Bob Van Reeth entworfene Huis van Roosmalen beispielsweise und die Art-déco-Bauten im Stadtteil Berchem. Es gibt also weit mehr zu entdecken, als die bescheidene Größe Antwerpens dies zunächst nahelegt. Die Stadt ist reich, und das liegt nicht nur an den Diamanten.

Antwerpen – da lohnt glatt der Vergleich mit einer belgischen Praline: feinste Füllung komprimiert auf kleinstem Raum. J’N’C-Chefredakteurin Ilona Marx und der Hamburger Fotograf Gulliver Theis kamen rasch auf den Geschmack. Bei mediterran anmutenden Temperaturen entpuppte sich das Aufspüren der 20 Antwerpen Hot Spots als reines Vergnügen.

 

PLUS CHECK THESE OUT

Het Elfde Gebod Von hölzernen Heiligen bevölkerte Bierbar in der Altstadt – skurril! Kathedraalcafe.be

MoMu Für alle Fashion-Addicts ein Must: Das Modemuseum. www.momu.be

Biologisch-Dynamische Bakkerij Von Vollkorn über Vollwert bis vegan. Eine der besten Anlaufstellen für gesundes Backwerk. Volkstraat 17

Just in Case Traumschöne, leicht retro-orientierte Kollektion für Frauen. Nicht verpassen! www.justincase.be

Elisa Lee Schmuckkollektion aus Glas, Silber und Gold. Dank Baukastensystem kann auf jeden Kundenwunsch eingegangen werden. www.elisa-lee.be

Vitrin Hier stellt sich beim Aperol Spritz die Hipster-Szene zur Schau. Sehen-und-gesehen-Werden. www.vitrin.eu

Elsa  Holzverkleideter Schuhladen mit qualitativ hochwertigem, zeitlosem Sortiment für beiderlei Geschlecht. www.elsa-antwerp.be

Jutka & Riska Gut sortierter Vintage-Shop, der immer die neusten Trends bedient. www.jutkaenriska.nl

Louis Hier tummelt sich die Avantgarde. Martin Margiela, Balenciaga, A.F. Vandevorst. Lombardenvest 2

Nathalie Vleeschouwer Besonders die Strickteile der femininen Kollektion sind eine Augenweide. www.nathalievleeschouwer.be

Coccodrillo High-End-Schuhladen auf der Schuttershofstraat 9. Vis-à-vis auch für Herren. www.coccodrillo.be

Het Modepaleis Das Allerheiligste von Dries Van Noten. www.driesvannoten.be

Sips Die besten Cocktails in Antwerpen in schickem 60s-Ambiente. www.sips-cocktails.com

Josephine’s Eine Hommage an Miss Baker. Cocktailbar und Restaurant. www.josephines.be

Revista Café Mit riesiger Auswahl der angesagtesten Magazine. Ein Ort der Inspiration. Karel Rogierstraat 47

O’Tagine Marokko lässt grüßen. Köstliche, überaus reichhaltige Tagines www.otagine-antwerpen.be

 

 

 

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